

Forschungsüberblick Juni: Politische Inhalte auf TikTok und von Influencer:innen
Wie viele Inhalte auf TikTok sind tatsächlich politisch, wie nutzen extremistische Netzwerke die Plattform und was sind die beliebtesten Informationsquellen junger Menschen? Das untersuchen die Studien, die Dr. Leonie Alatassi vom Leibniz-Institut für Medienforschung | HBI in diesem Monat zusammengestellt hat.
Wie viel Politik steckt wirklich in TikTok-Feeds?
Immer mehr Menschen geben an, Social-Media-Plattformen wie TikTok für Nachrichten und politische Informationen zu nutzen. Doch wie viele solcher Inhalte stecken tatsächlich in ihren Feeds? Eine neue Studie zeigt: Insgesamt haben politische Inhalte im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 durchschnittlich fünf Prozent der Videos im Verlauf der Nutzer:innen ausgemacht, während der Anteil an klassischen Nachrichten während des gesamten Zeitraums konstant bei etwa einem Prozent lag. Dazu wurden digitale Spuren der TikTok-Aktivitäten von 624 Teilnehmenden, die durch Datenspenden gesammelt wurden, ausgewertet. Damit liefert die Studie umfassende Einblicke in die Inhalte, mit denen Wähler:innen während des deutschen Bundestagswahlkampfs im Jahr 2025 konfrontiert waren. Die Forschenden haben die Verbreitung politischer Inhalte von offiziellen Parteikonten, politischen Influencer:innen, traditionellen Nachrichtenkonten und parteibezogenen Inhalten untersucht. Sie fanden keine eindeutigen Belege für eine asymmetrische algorithmische Kuratierung extremer politischer Inhalte. Stattdessen deuten ihre Ergebnisse darauf hin, dass die meisten politischen Inhalte, die Nutzer:innen auf TikTok sehen, mit ihren angegebenen politischen Präferenzen übereinstimmen. Eine überproportionale Verbreitung populistischer oder rechter Inhalte konnten die Forschenden in dieser Studie nicht feststellen.
Nachrichtennutzung junger Menschen: Influencer:innen vor Journalismus?
Normale Menschen und Influencer:innen sind die beliebtesten Informationsquellen junger Menschen in sozialen Medien – sie werden vor allem von denjenigen bevorzugt, die meinungslastige und unterhaltsame Nachrichten konsumieren und eher zufällig auf Nachrichten stoßen. Diese Ergebnisse bringt eine kürzlich veröffentlichte Studie, in der 16- bis 25-Jährige in Österreich (n= 569) zu ihrem Informationsverhalten befragt wurden. Obwohl nicht-journalistische Akteur:innen Nachrichten für ein junges Publikum zugänglicher, nachvollziehbarer und ansprechender gestalten können, werden der traditionelle Journalismus und Politiker:innen hauptsächlich gezielt und für harte Nachrichten aufgesucht. Die Autor:innen schlussfolgern, dass traditionelle journalistische Akteur:innen versuchen könnten, die Techniken von Influencer:innen beim Posten von Inhalten nachzuahmen, da sie offenbar nicht nur durch zufällige Begegnung in die Feeds junger Menschen gelangen, sondern es auch schaffen, deren Aufmerksamkeit zu gewinnen. Zu den Strategien, die journalistische Akteur:innen anwenden könnten, zählen beispielsweise die Konzentration auf meinungsstärkere Inhalte und die Aufbereitung von Hard News in einer Weise, die den Alltag und die Erfahrungen junger Menschen anspricht.
Live-Streaming und (Des-)Informationsflüsse auf TikTok
Extremistische Netzwerke nutzen das Format von TikTok Live zu ihrem Vorteil. So vermischen rechtsextreme Akteur:innen Alltagsgespräche mit extremistischen Botschaften, wodurch Nazi-Propaganda als gesellschaftlich verankert wirkt und schwerer zu erkennen ist. Auf diese Ergebnisse weist eine Studie hin, in der untersucht wurde, wie die Verschmelzung von Unmittelbarkeit, Interaktivität und Monetarisierung bei TikTok Live eine leistungsstarke Infrastruktur für politische Kommunikation schafft, die zunehmend für extremistische Mobilisierung und Desinformation genutzt wird. Dazu haben die Forschenden einen Datensatz mit 314 TikTok-Nutzernamen durch eine manuelle Suche nach Tags (z.B. #afd), Verweisen oder Emojis zusammengestellt und Ausschnitte aus Live-Stream-Sitzungen aufgezeichnet (n= 107). Diese Sammlung umfasst Hunderte von Minuten an gestreamten Inhalten, Tausende von Kommentaren, Kontoanmeldungen, Geschenktransaktionen, neue Follower:innen-Ereignisse und Stream-Teilen. Sie fanden außerdem heraus, dass Akteur:innen mit verschlüsselter Sprache die automatisierte Moderation umgehen. Beispielsweise ermöglichen es Sounds wie Dog Whistles, symbolische Anspielungen und „Algospeak“, dass schädliche Narrative – darunter die Verherrlichung des Holocausts und die Verehrung Hitlers – zirkulieren, ohne eine Sperrung der Videos auszulösen.